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Ist das Software-Urheberrecht zu schwach?
Tag der Bananen-Union

In einem Brief an die Mitglieder des Europäischen Parlamentes widerlegt RA Jürgen Siepmann Versuche einiger parlamentarischer "Experten für Geistiges Eigentum" und Industrie-Patentanwälte, das Urheberrecht schlecht zu reden. Siepmann zitiert diese Argumente und stellt sie den einschlägigen Gesetzen, Kommentaren und Gerichtsentscheidungen gegenüber. Der Text eignet sich als Einführung in die Grundelemente des Software-Urheberrechts.
Wenn man argumentiert, dass das Urheberrecht nicht ausreichend zum Schutz von Software sei, dann sollte man das Urheberrecht eigentlich genau kennen.
Es wurde in letzter Zeit gezielt die Behauptung verbreitet, dass das Urheberrecht nur 1:1 Kopien verbiete. Ich zitiere aus einem Schreiben einer Abgeordneten Ihrer Fraktion:

Das Urheberrecht verbietet nur die Kopie eines Werkes. Übertragen auf Softwareprodukte bedeutet dies, dass ohne Patentschutz nur eine 1:1 Kopie verfolgbar wäre, ein leichtes Umschreiben des Programms unter Verwendung einer fremden Idee jedoch zulässig wäre.

Wie Sie den gängigen Kommentaren zum Urheberrecht entnehmen können, ist diese Ansicht völlig falsch. In Deutschland verbietet § 69c UrhG

die Bearbeitung, das Arrangement und andere Umarbeitungen eines Computerprogramms.

Eine Umarbeitung ist nach Schricker/Loewenheim, Urheberrecht, 2. Aufl. 1999, § 69c Rn 13

grundsätzlich jede Abänderung eines Computerprogramms [...]

Unter § 69c Nr. 2 fallen beispielsweise Fehlerbeseitigungen, Änderungen zur Anpassung an individuelle Benutzerwünsche, an eine neue Benutzeroberfläche oder an neue gesetzliche, organisatorische oder technische Anforderungen, Programmverbesserungen, Erweiterungen des Funktionsumfangs, die Übertragung des Quellprogramms in eine andere Programmiersprache, die Umwandlung des Quellprogramms in das Objektprogramm und umgekehrt [...]

Der Nachweis einer ungesetzlichen Umarbeitung ist auch nicht besonders schwierig, siehe Schricker/Loewenheim aaO, § 69c Rn 16:

In der Rechtsprechung haben vor allem die Übernahme von Eigentümlichkeiten des Programms, die nicht durch Zufälligkeiten oder durch ein freies Nachschaffen erklärt werden können, zur Bejahung einer abhängigen Nachschöpfung geführt, etwa von Programmfehlern [...], von überflüssigen Programmbefehlen [...], Konstruktion von Programmverzweigungen, Aufteilung von Formeln sowie Anordnung und Reihenfolge der Variablen innerhalb von Formeln, Anordnung und Aufteilung von Unterprogrammen und deren Auftreten innerhalb der Hauptprogramme, Wahl der Variablennamen [...]

Kurz gesagt: Die Umarbeitung eines Programms ist illegal und ähnlich leicht nachweisbar wie das Abschreiben vom Nachbarn in einer Klassenarbeit. In den meisten Fällen ist der Quellcode für Dritte sowieso nicht verfügbar, so dass ein Umarbeiten nicht möglich ist. Gerade dann, wenn der Quellcode verfügbar ist, vermeiden es Konkurrenzunternehmen tunlichst, ihren Entwicklern fremden Quellcode bei der Entwicklung eines Konkurrenzprogramms in die Hand zu geben, da das Risiko einer unbewussten Übernahme von Eigentümlichkeiten des Programms, welche dann als Urheberrechtsverletzung gewertet werden würde, viel zu groß ist.

Verbesserungen der Position des Urhebers wären in erster Linie im Prozessrecht möglich.

Weiter heißt es in dem Schreiben der Abgeordneten Ihrer Fraktion:

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass das Patent ein sogenanntes Registerrecht darstellt. Somit steht von vorneherein fest, was und in welchem Umfang geschützt wird. Beim Urheberrecht ist dies nicht der Fall. Hier herrscht zunächst keine Rechtsklarheit, denn um eine urheberrechtliche Verletzung festzustellen, bedarf es gerichtlicher Klärung.

Auch diese Ausführungen sind falsch. Es steht von vorneherein fest, dass eine Urheberrechtsverletzung nicht dadurch begangen werden kann, dass ein Unternehmen eigenständig ohne Zuhilfenahme fremden Quellcodes oder Objektcodes ein Konkurrenzprogramm entwickelt. Eine Urheberrechtsverletzung ist also stets vermeidbar.

Auf der anderen Seite kann gerade eine Patentrechtsverletzung trotz der Registerrechtseigenschaft nur durch eine gerichtliche Klärung festgestellt werden, weil das Patentrecht auf unbestimmten Rechtsbegriffen wie

  • Erfindungshöhe
  • Technik

aufbaut und weil der Begriff der Neuheit -- obwohl kein unbestimmter Rechtsbegriff -- auch problematisch ist, weil die Ideen der im Allgemeinen nur als Objektcode veröffentlichten Software nirgendwo katalogisiert sind, denn diese Ideen können dem Objektcode nur mit wirtschaftlich unvertretbarem Aufwand entnommen werden.

Ein Patentrechtsstreit ist ein Glücksspiel, dass sich nur reiche Unternehmen leisten können, eine Patentrechtsverletzung steht erst nach einer rechtskräftigen Entscheidung fest und nicht durch die Vergabe eines Patentes.

Bei einer vermuteten Urheberrechtsverletzung dagegen, kann diese leicht durch einen Vergleich des Quellcodes beider Programme bewiesen werden. Dass der Quellcode des mutmaßlichen Rechtsverletzers zunächst weder in einem Urheberrechtsstreit noch in einem Patentrechtsstreit zur Verfügung steht, ist ein Problem des Prozessrechts und nicht des materiellen Rechts. Die Rechtsprechung betrachtet es teilweise als "Beweisvereitelung", wenn der Prozessgegner seinen Quellcode nicht herausrückt, wobei dieser selbstverständlich auch ein legitimes Interesse daran haben kann, seinen Quellcode geheim zu halten.

Im Bereich des Prozessrechts besteht möglicherweise Handlungsbedarf dahingehend, einheitliche Regelungen zu schaffen, unter welchen Voraussetzungen und an welche Personen (z.B. Gutachter) der Quellcode eines Programms herausgegeben werden muss.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass das normale und legitime Betrachten von Konkurrenzprodukten in jeder Branche erlaubt sein muss und dass gerade dieses Verhalten Innovation und Fortschritt fördert. Nachahmungen dürfen nur dann verboten werden, wenn größere Investitionen des Innovators gefährdet werden. Bei Software sind die Investitionen des Innovators nicht gefährdet, weil ein potentieller Imitator sich diese nur durch einen Verstoß gegen das Urheberrecht zu eigen machen könnte.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf eine neue Studie von James Bessen und Robert M. Hunt mit dem Titel

An Empirical Look at Software Patents
, die belegt, dass im Bereich der Softwareherstellung Patente nicht Innovation und Fortschritt fördern, sondern, dass Mittel, die für F&E zur Verfügung standen, in das Patentwesen wandern.

Die Studie ist unter http://www.researchoninnovation.org/swpat.pdf im Internet erhältlich und knüpft an das Arbeitspapier "Sequential Innovation, Patents and Imitation" von James Bessen und Eric Maskin an, welches in einer überarbeiteten Version unter http://www.researchoninnovation.org/patrev.pdf erhältlich ist.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ohne ein Verständnis der tieferen betriebs- und volkswirtschaftlichen Zusammenhänge, so wie es in diesen Studien vermittelt wird, eine brauchbare Richtlinie über "computerimplementierte Erfindungen" anfertigen kann.

Ich möchte zum Schluss nochmals bekräftigen, dass der Entwurf von Frau Mc Carthy nicht geeignet ist, Rechtssicherheit, Transparenz oder sonst irgendeinen positiven Effekt zu erzeugen.

Ich zitiere aus einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes vom 22.06.1976 (Az X ZB 23/74, Dispositionsprogramm):

Danach ist als patentierbar anzusehen eine Lehre zum planmäßigen Handeln unter Einsatz beherrschbarer Naturkräfte zur Erreichung eines kausal übersehbaren Erfolges. Dass auch eine bloße Organisations- und Rechenregel, wie sie vorstehend als der Patentanmeldung entsprechend niedergelegt ist, eine Anweisung zu planmäßigem Handeln darstellt und dass die Befolgung dieser Anweisung zu einem kausal übersehbaren Ergebnis führt, kann nicht bezweifelt werden. Es fehlt indes an einem Einsatz beherrschbarer Naturkräfte zur Erreichung dieses Erfolges.

[...]

Wie dargelegt, würde die Einbeziehung menschlicher Verstandeskräfte als solcher in den Kreis der Naturkräfte, deren Benutzung zur Schaffung einer Neuerung den technischen Charakter derselben begründen, zur Folge haben, dass schlechthin allen Ergebnissen menschlicher Gedankentätigkeit, sofern sie nur eine Anweisung zum planmäßigen Handeln darstellen und kausal übersehbar sind, technische Bedeutung zugesprochen werden müsste. Damit würde aber der Begriff des Technischen praktisch aufgegeben, würde Leistungen der menschlichen Verstandestätigkeit der Schutz des Patentrechts eröffnet, deren Wesen und Begrenzung nicht zu erkennen und übersehen ist.

Ohne einen Rückgriff auf Formulierung "Einsatz beherrschbarer Naturkräfte zur Erreichung eines kausal übersehbaren Erfolges" und ohne die Begriffe "Organisationsregel" und "Rechenregel" oder äquivalente Formulierungen bzw. Begriffe werden Sie keine Rechtssicherheit erreichen können.

Ich halte es für sehr gefährlich, wenn man die "Überwindung" der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes von 1976 als "Befreiung von fortschrittsfeindlichem Denken" ansehen würde und die Warnungen des Bundesgerichtshofes in den Wind schlägt.

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http://swpat.ffii.de/stidi/kopie/index.de.html
© 2005-06-26 (2003-05-14) Jürgen Siepmann
deutsche Version 2003-05-14 von Hartmut PILCH